Ensemble van der Waals "Sturm und Tanz"

Sa 24. September

11.00h, 60’
Stiftung Habitat (Mensa), Eingang Utengasse 32

 

Das Streichquintettprogramm spannt einen Bogen über die Jahrhunderte – vom Sturm und Drang (Luigi Boccherini) über Musik des 20. Jahrhunderts (Igor Strawinsky) bis hin zu heutigen Stücken (Martin Jaggi).

 

Programm:
Luigi Boccherini: Streichquintett G. 350 (1789)

Martin Jaggi: "Dra" für zwei Violoncelli (2014)

Igor Strawinsky: "Trois Pièce"s für Streichquartett (1914)

Martin Jaggi: "Gharra" für Streichquartett (2012)

Luigi Boccherini: Streichquintett G. 311 (1779)

Am Horizont türmen sich Wolken. Vielleicht kommt bald ein Sturm auf. Ein erster Lufthauch geht. Wie in einem Spiel verneigen sich die Bäume. Sie rauschen und tosen. Die Blätter schwanken und zittern dazu. Irgendwo dreht sich ein Stück Papier im Kreis; es taumelt, tändelt, tanzt.

„Sturm und Tanz“, unter diesem Motto steht dieses Musikprogramm, das einen Bogen über die Jahrhunderte schlägt – vom Sturm und Drang, zu dessen Zeit der italienische Komponist Luigi Boccherini lebte, über die vom Ballett inspirierte Musik Igor Strawinskys zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu den heutigen Stücken des Schweizer Komponisten Martin Jaggi. Mit Jaggi und Boccherini stehen sich zwei komponierende Cellisten gegenüber, so dass ein grosses Gewicht auf der Verwendung des Cellos liegt.

Der italienische Komponist Luigi Boccherini, der 1743 in Lucca geboren wurde, machte sich schon als Heranwachsender als Cellovirtuose einen Namen. Bald folgten Konzerte in Genua, Padua, Mailand und schliesslich auch Wien. Erste grössere Erfolge als Komponist feierte er 1768 nach einem Parisaufenthalt, in dessen Folge seine Sonaten für Klavier und Violine sogar gedruckt wurden. In späteren Jahren stand er als Kapellmeister, Komponist und Cellist im Dienst des spanischen Infanten Don Luis de Borbón, so dass sich nicht nur französische und österreichische Einflüsse in seinen Kompositionen finden lassen, sondern auch maurische und spanische. Dies und der sanfte Klang seiner Werke, der durch den verstärkten Einsatz des Cellos hervorgerufen wird, gelten als besondere Merkmale Boccherinis. Ausserdem steht er für rasche Stimmungswechsel zwischen fröhlichen und melancholischen, zwischen tänzerischen und stürmischen Passagen.

Boccherini ist bekannt für seine Streichquintette, in denen er im Gegensatz zur typischen Quintettbesetzung, die auf Mozart zurückgeht und in der die Viola doppelt besetzt wird, für zwei Celli komponierte. Sein Quintett G 350 in h-moll für diese Besetzung stammt aus dem Jahr 1789 und wird, weil es aus nur zwei Sätzen besteht, auch „Quintettino“ genannt. Der erste Satz „Andante affetuoso“ ist von eher melancholischem Charakter. Der zweite Satz „Allegro giusto“ beginnt dagegen mit grossem Schwung und klingt geradezu nach trotzigem Aufbruch, auf den jedoch alsbald wieder Wehmut folgt.

Boccherinis Musik war zu seinen Lebzeiten sehr bekannt, seine Werke wurden häufig verlegt und viel gespielt. Nach seinem Tode im Jahr 1805 geriet er jedoch fast in Vergessenheit. Erst in jüngster Zeit werden er und seine Kompositionen wieder neu entdeckt. In den vielen zum Teil noch unveröffentlichten Werken lassen sich gewiss noch einige verschüttete Kleinodien finden.

Auch Martin Jaggi, Jahrgang 1978, begann seine musikalische Laufbahn als Cellist. Ähnlich wie Boccherini verarbeitet er in seinen Kompositionen Eindrücke seiner Reisen und Auslandsaufenthalte. Das Stück „Dra“ für zwei Celli entführt den Hörer nach Bhutan in Asien. „Dra“, so lautet das Wort für Musik in der Sprache Bhutans. Jaggi verwendet in dem Duo Skalen der Zhundra, wie die dortige klassische Musik heisst. „Gharra“ ist nach den starken Gewitterböen benannt, die in einem bestimmten Teil der Sahara auftreten. Hier schieben sich die Streicherklänge wie Luftströme übereinander. Aus den tiefen Lagen heraus entwickelt sich ein mitreissender Rhythmus wie ein Sturm.

Zeitlich zwischen Boccherini und Jaggi liegen die Werke des russischen Komponisten Igor Strawinsky (1882–1971). Strawinsky wuchs noch zu Zeiten des Zaren in Sankt Petersburg auf – um die Jahrhundertwende ein Schmelztiegel der russischen Avantgardekunst. Hier entwickelten sich u. a. die bekannten „Ballets Russes“, für die Strawinsky so berühmte Werke wie „Der Feuervogel“ (1910), „Petruschka“ (1911) und „Le sacre du printemps“ (1913) komponierte und damit schon in jungen Jahren internationale Aufmerksamkeit erlangte.

Seine „Trois pièces pour quatuor à cordes“, „Drei Stücke für Streichquartett“ aus dem Jahr 1914 nehmen sich aus wie ein Kommentar zur Situation im vorrevolutionären Russland. Das erste Stück, später mit dem Titel „Danse“ versehen, ist noch von Anklängen an russische Folklore und von der tänzerischen Energie der Ballettmusiken geprägt; es klingt erdverbunden und fröhlich. Das zweite, „eccentrique“, vereint ganz verschiedene Tempi und Stimmungen in sich, scheint geradezu zu schwanken, wirkt zerrissen. Die Musik ist aus dem Gleichgewicht geraten, hat das Zentrum verloren, ist orientierungslos. Das dritte Stück klingt wie eine Art Trauergesang, voller Sehnsucht und Schmerz über den Verlust all dessen, was von Krieg und Revolution bedroht oder längst verloren gegangen ist.

 

Vielleicht kommt bald ein Sturm auf. Am Horizont türmen sich Wolken. Die Blätter schwanken und zittern im Wind. Sturm und Tanz. Tanz und Sturm. Ein Sturm fegt hinweg durch die Zeiten. Ein erster Lufthauch bringt etwas Saharastaub mit.


Nähern sich Atome und erfolgt in beiden Atomen die Ladungsverschiebung synchron, dann wirken ab einem bestimmten Abstand Anziehungskräfte, die als Van-der-Waals-Kräfte bezeichnet werden. Der positiv polarisierte Teil des einen Atoms zieht dabei den negativ polarisierten Teil des anderen Atoms an.

 

Die Mitglieder des Ensembles haben bereits in verschiedenen Formationen gemeinsam musiziert, bevor sie sich für das Projekt "Sturm und Tanz" zusammengefunden haben.

Daniela Müller schloss ihre Violinstudien bei Alexander van Wijnkoop, Igor Ozim und Thomas Zehetmair in Basel mit dem Solistendiplom mit Auszeichnung ab. Ein weiteres Jahr in London an der Guildhall School beendete sie mit dem "Master 's Degree in Music Performance" bei Jack Glickman. Daniela Müller war Gründungsmitglied des Mondrian Ensembles, gewann verschiedene 1. Preise und Auszeichnungen und trat an zahlreichen Festivals auf, darunter das Lucerne Festival. Sie lebt in Luzern, ist Konzertmeisterin des Orchesters Basel Sinfonietta und unterrichtet an der Freien Musikschule Basel.

Daphné Schneider absolvierte ihr Masterstudium bei Adelina Oprean an der Hochschule für Musik Basel und studierte Barockvioline an der Schola Cantorum Basiliensis bei David Plantier. Sie ist Mitglied des Dreigenerationenquartetts 3GQ und spielt in weiteren Kammerensembles in der Schweiz und in Deutschland. Daphné gewann mehrere Preise und besuchte Meisterkurse u. a. bei Rainer Schmidt, Gerhard Schulz, Ernst Kovacic, John Holloway, Erich Höbarth, Luca Chiantore, Amandine Beyer und Isabelle van Keulen.

Mariana Doughty wurde in Manchester, Jesus College Cambridge, London und Basel ausgebildet. Sie ist Solobratschistin des Kammerorchesters Basel und unterrichtet an der Musik-Akademie Basel. Sie war Mitglied des Streiff-Trios, mit welchem sie mehrere CD-Aufnahmen realisierte und international auftrat. Mariana Doughty spielt auch im Streichquartett 3GQ.

Judith Gerster schloss ihre Cello-Studien bei Ivan Monighetti in Basel und Thomas Grossenbacher in Zürich mit dem Solistendiplom ab. Wichtig für sie war auch der Unterricht bei Walter Levin vom La Salle Quartett. Judith Gerster ist Mitglied des Absolut Trios, des Sinfonieorchesters Basel und des Ensembles Amaltea. Sie spielt auch Barockcello und engagiert sich in Probespiel Coaching.

Ekachai Maskulrat genoss seine Ausbildung in Thailand, Singapur und in den USA. Er schloss sein Studium 2012 mit dem Master of specialized performances an der Musik-Akademie Basel in der Klasse von Thomas Demenga erfolgreich ab. Ekachai Maskulrat war Preisträger an diversen nationalen und internationalen Wettbewerben und trat mit verschiedenen Orchestern solistisch auf. Als freischaffender Cellist spielt er in verschiedenen Orchestern und Kammermusikformationen und arbeitet als Arrangeur.

 

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